Wo bin ich!?

„Wo zur Hölle bin ich hier eigentlich? Und warum?“…

 

… ist eine Frage die viel zu selten gestellt wird. Nein, ich meine nicht nach einer durchzechten Nacht, wenn man_frau irgendwo mit brummendem Schädel aufwacht und einem die geblümten Tapeten so gar nicht bekannt vorkommen wollen. Und nein, ich meine auch nicht den schrecklichen Moment, wenn ich nach stundenlanger Autofahrt auf meinen Google-maps- Ausdruck schau, und schaudernd eingestehen muss, dass ich das nächste Mal vielleicht doch eine richtige Straßenkarte einpacken sollte (ja, ein gps ist mir viel zu teuer, und macht mich außerdem zu abhängig).

Ich meine jeden einzelnen normalen Tag im mehr oder weniger politischen Leben eines oder einer jeden von uns. Ich für meinen Teil bin „bei der Pufl-Gras“, sogar noch als UV-Mandatar, dort auf der Liste steht mein Name, schwarz auf weiß – und soweit ist meine hochschulpolitische Verortung noch relativ einfach vorzunehmen. Und auch wenn man bei keiner Fraktion aktiv ist, hat man vielleicht irgendeine gewählt, oder das zumindest vorgehabt. Gut. Ich bin also „bei der Pufl-Gras“. Aber was heißt das? Und warum bin ich „bei der Pufl-Gras“? Bin ich hier überhaupt richtig? Oder bin ich nur blind einem Googlemaps-Ausdruck gefolgt und zufällig hier gelandet?

Genau diese Frage sollte man_frau sich jeden Tag stellen. Bei jeder Diskussion, bei jeder Auseinandersetzung, oder zumindest immer wieder einmal zwischendurch. Und nicht nur vor einer Wahl, wenn man noch nicht weiß, wo man_frau sein Kreuzchen machen soll, sondern immer wieder, selbst wenn man_frau einer Fraktion zugehört, weiter hinten, oder auch ganz vorne auf der Liste steht. Selbst die Spitzenkandidat_innen sollten sich regelmäßig fragen; „Bin ich hier aus reinem Zufall? Oder bin ich hier richtig?“

Und ich denke nach. Finde ich alles gut und richtig, was „die Pufl-Gras“ sagt, und macht? Die Frage ist sehr einfach zu beantworten: nein, selbstverständlich nicht. Ich finde sehr viel davon gut und richtig, keine Frage, aber würde ich alles bereits perfekt finden, warum müsste ich dann „bei der Pufl-Gras“ sein um mich einzubringen? Richtig. Es gäbe keinen Grund.

Finde ich, dass bei Auseinandersetzungen mit anderen Fraktionen die Pufl-Gras, oder Menschen die für sie sprechen, immer die besseren Argumente haben? Wieder leicht: nein, natürlich nicht. Aber warum setze ich mich dann für sie ein? Warum wechsle ich nicht immer zu der Fraktion, deren Vertreter_in mir gerade aus der Seele plaudert?

Warum bin ich „bei der Pufl-Gras“? Wo zur Hölle bin ich hier eigentlich? Und warum!?

Ich bin bei der Pufl-Gras bei einer politischen Fraktion. Also dort wo ich mitreden, mitdiskutieren, mitentscheiden kann, unabhängig davon wie anders oder gleich meine inhaltliche Position ist. Dieses Wunder gewährt uns die Demokratie. Und ich bin bei DER Fraktion, die basisdemokratisch aufgebaut ist. Und hier knackt der Punkt! Sie ist DIE Fraktion, die durch ihre Struktur allen Anwesenden Sprach- und Stimmrecht einräumt, unabhängig davon, wen sie kennen, wie sie sich verdient gemacht haben, oder wie sie heißen. Ich bin dort, wo ich meine Meinung am freiesten kundtun darf, UND diese Meinung auch noch – abhängig von der Qualität der Argumente die ich mitliefern kann – in der Diskussion geprüft, erprobt, und wenn sie inhaltlich überzeugen kann, auch noch umgesetzt wird. Gerade dieser Punkt – der, der der Pufl-Gras so oft als Schwäche ausgelegt wird, belächelt, oder als ideologischer Humbug abgetan wird, gewährleistet allein, dass die besten Ideen umgesetzt werden, – dass die besten Argumente entscheiden, – dass meine Meinung gehört wird, wenn sie es wert ist. Und nicht, dass ich entscheiden darf, wenn ich brav genug gearbeitet, lange genug dabei war, oder ein Gesicht habe, das charismatisch genug ist.

Das ist der Königsweg der Demokratie. Das ist, was sie uns geben kann, und was sie so vielfach besser macht, als alle anderen Systeme, die wir Menschlein im Laufe der Zeit so durchgemacht haben. Wenn wir, als Einzelpersonen diese Möglichkeit annehmen. Wenn wir uns der Diskussion jedes Mal stellen, und uns jedes Mal neu fragen „Wo zur Hölle bin ich hier eigentlich? Und bin ich hier eigentlich richtig?“ Wenn wir nicht bei einer Podiumsdiskussion für die Person klatschen, die sich die gleichen Farben auf die Fahnen heftet, wie wir selbst. Sondern für die Wortmeldungen und Ideen, die sie machen. Ich kenne die Verlockung, für die „eigene Fraktion“ zu jubeln. Aber ich nehme mir fest vor, auch bei der nächsten Podiumsdiskussion auch für den politischen „Gegner“/die politische „Gegnerin“ zu klatschen, wenn mir seine oder ihre Idee gefällt. Die Pufl-Gras erlaubt mir nicht nur diese Einstellung zu leben, sondern ermutigt mich sogar darin. Sie fördert pluralistische Ideenvielfalt, und alle Menschen die etwas zu sagen haben, wenn sie es vorbringen wollen, auch wenn ihre Ideen nicht auf Linie sind. Und das – ist genial.

Ich bin überzeugt davon, dass das die Qualität unserer Entscheidungen zur Besseren macht. Wenn wir uns die Mühe machen allen zuzuhören. Für alle Argumente offen zu sein. Vielleicht ist deswegen auch meine inhaltliche Schnittmenge mit der Pufl-Gras am Größten. Weil das WIE das WAS und seine Qualität bestimmt.

Und ich lege meinen Googlemaps-Ausdruck zur Seite, schau mich eigenständig um, und beantworte mir einmal mehr selbst die Frage: „Ja. Ich bin hier richtig. Es ist nicht alles perfekt, aber ich habe hier die besten Voraussetzungen daran zu arbeiten.“ Und wenn ich das nächste Mal unsicher bin, werde ich mir die Frage erneut stellen. Denn das sind wir uns alle – selbst – aber auch gegenseitig – schuldig.

David Pfister

widerständig und lebendig,

deine Pufl-Gras

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