Text vom 20.11.2013

„Psychisch, Physisch und sozial Verelendet“

 

obdachlos

 

Das waren die Worte die den Stein für uns erst so richtig ins Rollen brachten. Am 01.10.13 hatte das Vizerektorat für Infrastruktur alle Uniangehörigen in einem Rundschreiben darüber informiert, dass „psychisch, physisch und sozial Verelendete“ (gemeint waren wohnungslose) Menschen eine größer werdende Gefahr darstellten. Doch absofort wäre das Problem behoben, indem privates Sicherheitspersonal an der Uni aufgestockt – und mit der Instruktion versehen würde Ausweiskontrollen durchzuführen, alle unifremden Personen des Gebäudes zu verweisen, und den öffentlichen Raum „Universität“ zu gewissen Uhrzeiten einfach abzuriegeln. Ein kräftiger Schlag aus gleich mehreren Gründen in die Magengrube eines jeden einigermaßen aufgeklärt denkenden Menschen. Von der diskriminierenden und verallgemeinernden Formulierung, die aus der Mottenkister lang vergangener Zeiten zu stammen scheint, über die Intransparenz des Entscheidungsprozesses, fadenscheinigen und damals nicht belegten Argumenten bishin zur Maßnahme selbst schrie alles nach einer entschlossenen Reaktion. Und wir wurden aktiv.

 

Heute 50 Tage später, ist die Sache noch nicht vorbei, aber dank dem Einsatz vieler engagierter Menschen wurde bereits einiges erreicht:

  • Das Vizerektoran hat auf zahlreiche eingehende offene Briefe (einer davon von mir: hier) einen runden Tisch einberufen, in dem Uni, Stadt, Land, Studierende, und Menschen aus Obdachlosenverbänden und Notschlafstellen zusammen konstruktiv lösungsorientiert diskutieren können.
  • Die ÖH hat in der letzten Universitätssitzung einen Antrag der Pufl-Gras (mit leichten Abänderungen in einem Gegenantrag) angenommen, der einen weiteren öffentlichen runden Tisch für Studierende einberufen sollte, indem die ÖH ihre Position informiert bilden kann.
  • Dank inhaltlich fundierten Argumenten, Zahlen, Fakten, und viel Vorbereitung ist es uns gelungen in dieser Arbeitsgruppe eine gemeinsame Position zu erarbeiten, von Seiten der ÖH von nun an offiziell gegenüber der Uni vertreten wird:
    • Diese Position ist klar GEGEN eine Ausweisung unifremder Personen durch privates Sicherheitspersonal.
  • Um trotzdem etwas zu Verändern, aber eben lösungsorientiert trifft sich die Arbeitsgruppe weiterhin, und arbeitet alternative Lösungskonzepte wie aktives Streetworking an den Unistandorten, etc. Aus.
  • Und zu guter Letzt: Damit diese Forderungen nicht ins Leere laufen, haben wir unsere Kontakte zu Stadt und Land genutzt, dort Informationen gesammelt, und Forderungen positioniert. Hermann Weratschnig (Landtagsvizepräsident, Grüner Landtagsabgeordneter) sowie Ernst Pechlaner (Sozialreferent der Stadt Innsbruck) signalisieren Gesprächsbereitschaft, und werden unter anderem auch an dem runden Tisch des Vizerektorats morgen teilnehmen.

 

Alles in Allem muss man sich fragen, ob die aufgezählten Punkte auch ohne aufmerksame Menschen und deren Widerstand so verlaufen wären? Ich glaube daran, dass zumindest ein kleiner Teil davon, auch aufgrund dieses Engagements ANDERS gelaufen ist, als es die Dinge tun, wenn man ihnen erlaubt sich um sich selbst zu kümmern.
Die Sache ist noch nicht gegessen. Morgen um 8:30 sitze ich mit vielen andere an diesem runden Tisch. Menschen unterschiedlichster Ansichten werden darüber abstimmen, ob die Uni als gesellschaftlicher Akteur ihrer sozialen Verantwortung gerecht wird, oder Menschen ohne festen Wohnsitz im Winter durch Securities in den Schnee werfen lassen wird. Ich bin überzeugt davon, dass gute Argumente und Einsatz überzeugen werden können. Es klingt groß, aber unsere Gesellschaft entwickelt sich. So oder so. In Ungarn ist „Obdachlossein“ von der rechtsnationalen Orban-partei faktisch zu einer Straftat gemacht worden. In Österreich wird die Frage, wie wir mit der wachsenden Gruppe der Schwächsten der Gesellschaft umgehen lernen, gerade erst entschieden.

Wenn es uns nicht egal ist, müssen wir Einfluss darauf nehmen. Und deshalb machen wir weiter.

 

Widerständig und lebendig,

deine Pufl-Gras

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.