PA: GRAS legt Informationen zum Verhältnis der Uni Innsbruck zu Burschenschaften offen

Aktueller Unirats-Vorsitzender wünschte Suevia „gedeihen und wachsen“ – verstorbener Rektor Andreae federführend an „Skalden“-Ehrentitel beteiligt – Verfahren gegen „Brixia“ verlief im Sand – Historiker Gehler 2002 zur Aufarbeitung: „Universität Innsbruck hat mit ihren zuständigen Organen eindeutig versagt“

Gleich mehrere Hinweise auf ein Naheverhältnis der früheren Universitätsführung und auch heutiger Akteure, wie etwas des aktuellen Vorsitzenden des Universitätsrates, zu schlagenden deutschnationalen Innsbrucker Burschenschaften sind in den letzten Tagen bei den Grünen und Alternativen Studierenden Innsbruck (GRAS) eingegangen. GRAS-Senatsmitglied Dejan Lukovic beantragte im Senat der Universität Innsbruck in einem ersten Schritt die sofortige Aberkennung des 1983 verliehenen Ehrentitels „Universitätssängerschaft“ für die Sängerschaft Skalden, der unter anderem der Tiroler FPÖ-Spitzenkandidat für die Landtagswahl angehört. In einem zweiten Schritt soll das Verhältnis der Universität Innsbruck zu den beiden anderen deutschnationalen Burschenschaften Suevia und Brixia geklärt werden.

Zu den eingegangenen Hinweisen gehört ein Text des Historikers Michael Gehler, der in einem 2002 im Universitäts-eigenen Studienverlag erschienenen Sammelband der Universität unter anderem vorwirft, „ihre eigene Vergangenheit noch in den achtziger und neunziger Jahren nur äußerst unzureichend bzw. nicht frei von Einseitigkeiten aufgearbeitet“ zu haben. Er spricht von „mangelnder Erforschung der jüngeren Geschichte“ ebenso wie von „grundsätzlich fehlender Bereitschaft der Spitzenfunktionäre zur Kenntnisnahme wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zur jüngeren kritischen Universitätsgeschichte“ und gelangt zum Schluss, die Universität Innsbruck habe bei der Aufarbeitung „mit ihren zuständigen Organen eindeutig versagt.“ Aus dem selben Text kommt der Hinweis Gehlers darauf, dass eine vom akademischen Senat 1988 angestoßene Prüfung der Aberkennung oder rechtlicher Schritte gegen die Verwendung des Titels „Akademische Burschenschaft“ durch die Brixia sich nicht zufällig im Sand verlaufen habe – Gehler wörtlich: Das Thema wurde „vom Rektorat weiter delegiert und dortselbst zu Tode diskutiert. Es bestand in den universitären Führungsgremien bis hin zum Rektor letztlich kein Interesse an der weiteren Untersuchung und Verfolgung des Falls ,Brixia‘“. Mitglieder der Brixia hatten Materialien an der Universität verteilt, in denen der Nationalsozialismus und der „Anschluss“ relativiert wurde – wenige Monate, bevor die Brixia sogar den Holocaustleugner David Irving just am 9. November, dem Jahrestag der Novemberpogrome, zu einem Vortrag nach Innsbruck einlud. Die Veranstaltung wurde schließlich polizeilich untersagt, nachdem ein Haftbefehl gegen Irving erlassen wurde.

Ein weiterer Hinweis betrifft die aktive Beteiligung eines ehemaligen Rektors am Zustandekommen des Ehrentitels „Universitätssängerschaft“ für die „Skalden“, die sich bis heute nicht offiziell von ihren zahlreichen NS-Verbrechern distanzieren: Ein Nachruf auf den ehemaligen Architekturprofessor Karl Rudelstorfer erwähnt, dass der Verstorbene die Verleihung des Ehrentitels an die „Skalden“ im Jahr 1983 durch die Unterstützung des damaligen Rektors Clemens August Andreae im Akademischen Senat geschafft und dem Rektor ebenso gerne wie Rudelstorfer dafür die Burschenschafter-Auszeichnung „Alter Herr Honoris Causae“ verliehen hätten, wofür „die Zeit noch nicht reif“ gewesen sei. Rektor Andreae war übrigens auch ein gern gesehener Gast bei Veranstaltungen der Burschenschaft Suevia, wie aus burschenschaftlichen Schriftstücken hervorgeht.

Schließlich wurden der GRAS Schriftstücke zugespielt, die einen ehemaligen Rektor als Unterstützer einer Innsbrucker Burschenschaft deklarieren, der heute noch als Vorsitzender des Innsbrucker Universitätsrats ein hohes Amt innehat: Christian Smekal hat in der 1998 erschienen Festschrift „130 Jahre Suevia“ in seiner Funktion als Rektor ein Grußwort verfasst, in dem er der Suevia „Engagement für eine freie und gerechte Welt“ wünscht. Er bezieht sich auf die Revolution von 1848, zu deren Zeit die Suevia noch gar nicht existiert hatte, und ignoriert die Mittäterschaft der Suevia und ihrer Mitglieder an der NS-Schreckensherrschaft dagegen völlig. Abschließend hofft Rektor Smkeal, die Suevia möge „auch in den nächsten hundertdreißig Jahren gedeihen, blühen und wachsen.“

In eben dieser Festschrift wird nur wenige Seiten weiter ein von Burschenschafter Hans Schödl verfasster Beitrag zur Geschichte der „Suevia“ abgedruckt – im Wesentlichen eine Zusammenfassung der von Schödl 1938 komplettierten Chronik der Suevia, welche mit derer Selbstauflösung nach dem „Anschluss“ endet – die Burschenschaft sah ihr Ziel erfüllt und im NS-Staat die glorreiche Zukunft – und mit einem „Heil Suevia!“ und „Heil Hitler!“ endet. Die Suevia gedenkt noch heute an einem Denkmal am Innsbrucker Westfriedhof einem der Mörder aus der Innsbrucker Reichspogromnacht 1938, Gerhard Lausegger, während der jüdische Teil des Friedhofs 1961 von Mitgliedern der Burschenschaften Suevia und Brixia geschändet wurde.

Dejan Lukovic fordert namens der GRAS nicht zuletzt aufgrund dieser weiteren Erkenntnisse erneut vehement die komplette Offenlegung der Vorgänge durch die Universität Innsbruck und zwar öffentlich, nicht hinter verschlossenen Türen. Darauf muss die Aberkennung bzw. Untersagung sämtlicher Ehrentitel und -bezeichnungen folgen, die kein klares, deklariertes und öffentliches Verhältnis zum Nationalsozialismus haben, NS-Heldenkult betreiben oder rassistische Kriterien bei der Vergabe ihrer Mitgliedschaften verwenden.

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