Interview: „Wissenschaftliche Erkenntnis muss für alle verfügbar sein“

Wie schätzen sie die realpolitischen Entwicklungen des Bologna-Prozesses ein? Was hat sich wirklich ergeben?

Wie eigentlich zu erwarten gewesen wäre, haben sich die Studierenden schneller verändert als die Professoren und Professorinnen. Es ist tatsächlich so, dass jetzt relativ viele Studierende ihren Bachelor-Abschluss machen und etwa die Hälfte davon macht darauf den konsekutiven Master an der Uni Innsbruck. Früher mussten die Studierenden das Diplom-Studium abschließen, ansonsten wären sie mit leeren Händen dagestanden. Jetzt sagt man: Okay, du beendest deinen Bachelor, den du vielleicht eher zu einem Abschluss bringst und dann überlegst du dir, ob du den konsekutiven Master beziehungsweise einen anderen Master machst, wenn du nicht gar an eine andere Uni gehst oder in die Arbeitswelt einsteigst, wo du in eine Weiterbildung, einen Lehrgang kommst. An der Uni Wien ist es anscheinend sogar so, dass 50 Prozent aller Bachelor-Absolvent_innen einen Weiterbildungsmaster machen, der ein paar Semester gehen kann und in ganz spezielle Berufe führt. Diese Weiterbildungsschiene, die auch an der Uni Innsbruck immer größer wird, ist auf jene Leute zugeschnitten, die einen Bachelor gemacht haben, Arbeiten waren und sich dann weiterbilden wollen. Anstatt zwei Jahre einen Master an der Uni zu machen, gehen sie dann in einen berufsbegleitenden Weiterbildungslehrgang, von denen auch ein paar mit einem Master-Abschluss oder einen kürzerem Abschluss enden. Meine Erwartung ist, und dies zeigen die Zahlen auch, dass die Leute nach dem Bachelor sagen, dass sie jetzt einen Abschluss haben und sich dann überlegen, wie es weiter geht. Für mich war die Überlegung einen Bachelor einzuführen im Prinzip sehr positiv, weil ich eben in dem damalige System gesehen habe, dass viele Leute im Diplom-Studium, sei es bei der Diplom-Arbeit, scheitern. Die Abschlussquote ist gering. Bei uns ist sie bei 50 Prozent. Das ist nicht sehr hoch und wenn man denkt, dass 50 Prozent aller Leute nicht abschließen, dann ist dies keine Auszeichnung für ein Bildungssystem. Durch den Bachelor ist es leichter einen Abschluss zu bekommen und sich neu zu orientieren. Das war für mich eine der grundlegenden Überlegungen.

Nachdem letztes Jahr die technische Infrastruktur der universitären Standorte durch Geldzuschüsse verbessert worden ist, stellt sich für uns die Frage, inwiefern solche Investitionen auch im Bereich Open-Access und Open-Source möglich wären?

Es wird investiert. Wir haben jetzt auch Geld beiseitegelegt, damit Lehrende mit neuen Konzepten auch Geld bekommen, um diese Konzepte auszubauen. Was wir natürlich auch machen – wie Sie vielleicht gesehen haben –, ist die Schaffung von dislozierten Studiengängen, wie es einen schon in Landeck gibt und ein anderer in Lienz geplant ist. Und dort müssen wir nun Kapazitäten aufbauen, die man in anderen Studien auch verwenden könnte, wie eben Online Lehrveranstaltungen oder aufgezeichnete Lehrveranstaltungen, wo die Lehrenden natürlich einverstanden sein müssen. Und all diese Dinge kommen mit den dislozierten Studiengängen, um durch deren benötigte Struktur auch diese Aspekte an der Universität selbst zu verändern beziehungsweise zu erweitern. In vielen Fällen kommt es hier auf die Lehrenden an, inwieweit sie bereit sind bei dieser Veränderung mitzugehen. Die Universität ist dazu bereit die Lehrenden zu unterstützen und dies auch finanziell, zum Beispiel durch die Anstellung von studentischen Mitarbeiter_innen, die bei der Umsetzung der technischen Gegebenheiten mitwirken sollen, aber der Wille zur Digitalisierung muss von den Lehrenden ausgehen. Dort kann man beobachten, dass jüngere Lehrende eher dazu bereit sind, diesen Weg zu gehen, als vielleicht ältere Lehrende, für die die klassische Vorlesung die geeignetste Form der Wissensvermittlung darstellt.

Und wie sieht es explizit im Bereich Open-Access und Open-Source aus?

Das ist eine Diskussion die wir schon lange führen und da sehen wir, dass Universitäten im Endeffekt anders behandelt werden als Schulen. Für Schulen gibt es eine Übereinkunft, dass bestimmte Inhalte von wissenschaftlichen Büchern und Lehrbüchern für den Bereich der Schule frei verwendet werden können. In der Universität ist es leider noch nicht so. Eigentlich muss eine Lehrperson bei der Weitergabe von Wissen, das aus einer Publikation stammt, immer den Verlag dieser Publikation um Erlaubnis fragen, da selbst wenn dieses Wissen an der Universität bleibt, das Urheber_innenrecht gilt und eine Weitergabe ohne Erlaubnis eben dieses Recht verletzt würde. In den Ministerien wird daran gearbeitet, dass an der Universität dieselben Regelungen diesbezüglich gegeben sind wie an einer Schule, sodass die Weitergabe von Inhalten innerhalb der Institution kein Problem mehr darstellt, doch so weit sind wir leider noch nicht. Und diese fehlende rechtliche Sicherheit ist sicher ein Hemmnis für viele Lehrende. Hier hoffen wir, dass es irgendwann zu einer gesetzlichen Regelung kommt, die es den Lehrenden einfacher macht, die Wissensinhalte leichter zu verteilen.
Open Access ist natürlich eine andere Geschichte. Da arbeitet nicht nur der FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) daran, sondern auch viele andere Institutionen und das ist für die Forschung natürlich ganz wichtig. Machen wir es vielleicht an einem Beispiel fest: Ich arbeite an einem Forschungsprojekt. Ich versuche zuerst einen Antrag zu schreiben, was nicht ganz einfach ist. Ich versuche den Antrag durchzubekommen und die Gutachter_innen des FWF sind sehr streng. Ich arbeite am Projekt. Ich stelle Mitarbeiter_innen an. Wir arbeiten. Wir finden etwas Interessantes heraus. Wir versuchen dies zu publizieren. Ich schicke das an einen Verlag. Da sind wieder zwei Gutachter_innen, die das beurteilen. Dann muss es umgeschriebenen werden und noch viele weitere Dinge erledigt werden. Am Ende liefere ich ein druckfertiges Produkt ab. Alle freuen sich. Vielleicht erscheint es sogar im Nature oder in der Science. Hurra. Am Ende gehört das Copyright aber dem Verlag. Sprich ich habe nicht einmal mehr selbst die Rechte über das, was ich produziert habe. Bis zum Layout hat alles der Staat beziehungsweise die Steuerzahler_innen bezahlt. Und jetzt gibt es den anderen Zugang, Open Access-Publikationen. Man kann die Arbeit einschicken und muss den Unkostenbeitrag bezahlen, dafür ist die Arbeit aber komplett frei für alle. Und das ist im Prinzip das richtige System, denn die Forschung ist ja zu allergrößten Teil durch Steuergelder finanziert worden und jede so produzierte wissenschaftliche Erkenntnis muss für alle verfügbar sein.
Wir geben viel Geld aus, das sind mehrere Millionen Euro im Jahr, damit wir das Recht haben, die Dinge, die wir bei Verlagen publizieren, auch wieder bekommen. Es gibt zwei bis drei große Verlage, die durch die große Anzahl an Journalen, dies sie produzieren, einfach noch diese Macht besitzen. Die UB zahlt also jedes Jahr mehre Millionen, nur damit die Wissenschafter_innen hier das Recht haben, diese Zeitschriften zu lesen und Dinge aus diesen rauszunehmen. Dieses System ist nun in der Umstellung, denn immer mehr Wissenschaftler_innen sagen sich, dass dies nicht fair ist und dass diese zwei bis drei Verlage ihre Monopol-Stellung ausnutzen, da sie quasi alle Wissensgebiete beherrschen und sich in immer weitere Journale einkaufen. Die Verlage reagieren natürlich darauf, denn sie merken, dass ihnen durch Open Access-Publikationen die Monopolstellung abhanden kommt. Diese Veränderungen hin zu Open Access kommen, doch wird es noch ein bisschen dauern, bis wir dieses offene System erreicht haben werden.
Während dieser Zeit der Konkurrenz beider Systeme, der Open Access-Publikationen und der althergebrachten Publikationen über die großen Verlage, kommt für Wissenschafter_innen die Frage auf, ob sie lieber in einer nicht-offenen, aber renommierten Zeitschrift publizieren, die dafür aber vielleicht einen großen Impactfaktor hat, oder ob sie doch lieber in einer offenen Zeitschrift publizieren, wo noch ein Unkostenbeitrag für die Bearbeitung der Arbeit dazukommt und die Zeitschrift vielleicht auch nicht solch einen großen Impactfaktor besitzt. Dies ist dann eine ganz persönliche Entscheidung.

Laut der Studierendensozialerhebung 2011 arbeiten circa 60 Prozent der Studierenden 20 Stunden oder mehr. Wie schätzen Sie die Auswirkungen dieser Entwicklungen ein?

Die Auswirkungen dieser Entwicklungen sehe ich. Ich habe diese Untersuchung für unsere Studierenden auch schon selbst gemacht. Ich habe mir angesehen, wie viele ECTS-Punkte die Leute erwerben, wenn sie ein Bachelor-, Master- oder Diplomstudium machen und da gibt es eine breite Streuung. Es gibt in allen drei Studienformen ungefähr 30 Prozent an Leuten, die nie eine Prüfung ablegen, die sich einfach nur inskribiert haben. Dieses Verhalten hat sich zurückentwickelt, denn so hatten sich die Studierenden vor 10 Jahren noch durchschnittlich in 1,4 Studien inskribiert, was auf 1,2 zurückging und wenn ich die neuesten Zahlen für Innsbruck schätzen müsste, dann liegen wir wahrscheinlich bei 1,1.
Dann gibt es für mich eine ganz harte Zahl und das sind 16 ECTS. Sobald Student_innen 16 ECTS pro Jahr machen, d.h. positiv bewertete Prüfungen in diesem Umfang ablegen, gelten sie als prüfungsaktiv. Für das Ministerium sind alle Student_innen, die weniger als diese 16 ECTS pro Jahr machen, quasi unsichtbar. Wir haben 28.000 Studierende. Wir haben 32.000 Studien inskribiert. Doch für das Ministerium gibt es nur 18.000 Studierende. Von den 28.000 Studierenden sind 10.000 unsichtbar, da sie weniger als 16 ECTS pro Jahr machen. Das IHS (Institut für Höhere Studien) hat im Laufe von drei Jahren sehr viele Daten gesammelt. So hat man sich anhand der anonymisierten Sozialversicherungsnummern angeschaut, was die Studierenden 10 Jahre vor und 5 Jahre nach ihrem Doktorats-, Master- oder Bachelorabschluss gemacht haben, sprich ob sie gearbeitet haben oder nicht. Was beobachtet werden konnte war, dass mit dem Abschluss natürlich die Beschäftigungsrate ansteigt, doch sowohl beim Bachelor, Master als auch Doktorat lässt sich anhand der Sozialversicherung erheben, dass bis zu 80 Prozent der Student_innen als arbeitend gemeldet sind. Was mich hierbei schon gewundert hat war, dass es an sich egal ist ob es sich um einen Bachelor oder Master handelt, die Student_innen sind statistisch gleich stark beruflich beschäftigt. Diese Beschäftigung ist auch ein Grund dafür, weshalb die österreichischen Student_innen vergleichsweise lange mit ihrem Studium brauchen, da sie viele Stunden in der Woche arbeiten. Und mit der Länge des Studiums und dem ansteigenden Alter der Student_innen werden die Verpflichtungen auch größer, wie zum Beispiel eine eigene Familie; um diesen Verpflichtungen nachzukommen, arbeiten die Student_innen wieder mehr, auch da sie in einem höheren Alter geänderte Lebensstandards aufweisen. Diese große Arbeitslast sehe ich als typisch für Österreich und ich würde sagen, dass die Hälfte der Student_innen nebenberuflich studieren. Was glauben Sie denn, wie viele Student_innen in Innsbruck einem Vollzeitstudium nachgehen, was 55 bis 60 ECTS-Punkte pro Jahr wären?

Geschätzt so 50 bis 60 Prozent?

10 Prozent. Alle anderen machen weniger als diese 60 ECTS-Punkte im Jahr, weil sie eben arbeiten oder andere Dinge zu erledigen haben. Es gibt ganz wenige dieser Vollzeit-Student_innen und dies ist für mich eine Diskrepanz des Systems. Auf der einen Seite sagen wir, dass unser Studium ein Vollzeitstudium ist. Auf der anderen Seite sehen wir aber, dass nur ganz wenige der Student_innen das Studium auf diese Art betreiben, sei es nun gewollt oder nicht. Dies ist eine Diskrepanz, die ich ein bisschen in der Weiterbildung ausgleichen kann, die ich ja berufsbegleitend anbieten kann, wo ich die 60 ECTS auf zwei Jahre aufteilen kann und die Lehrveranstaltungen auf das Wochenende planen kann. Doch für die Regelstudien ist dies nicht zu machen, denn kann ich den Lehrenden auch schlecht sagen, dass sie ein Vollzeitstudium anbieten müssen und für die arbeitenden Studierenden dies auch am Wochenende. Durch Digitalisierung kann natürlich Vieles angeboten werden, doch gibt es neben den Vorlesungen noch Seminare oder Übungen, wo man dabei sein muss.

Ein Großteil der Student_innen geht ja nur arbeiten, weil sie sich sonst ihr Studium nicht leisten können. Wo sehen Sie Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken?

Es ist ja auch nicht so schlecht, die reale Lebenswelt der normalen Menschen auch zu kennen, wenn man arbeiten muss. (lacht) Wenn wir sagen, wir können nur ein Vollzeitstudium anbieten, dann müsste man den Student_innen auch die Möglichkeiten geben, dies einigermaßen so zu machen, sei es durch Stipendien, Studienbeihilfen oder Kredite. Da gibt es auch viele Mischformen und viele Länder, die es so machen. Sagen wir: alle die studieren wollen bekommen einen zinsfreien Kredit und sobald die Personen arbeiten, müssen sie diesen Kredit zurückzahlen. Ich habe zum Beispiel selbst viele Studierende aus Luxemburg gehabt. Wenn die nun nach Luxemburg zurückgehen, verdienen die dort relativ schnell gutes Geld, doch wenn eine Person in einen Beruf geht, wo sie wenig verdient, muss sie vielleicht 20 Jahre lang einen Kredit zurückzahlen, was dann eine doppelte Belastung darstellen würde. Aber im Prinzip würde ich ausreichende Stipendien und Studiengebühren einführen, wobei österreichische Student_innen durch die Stipendien ihre Studiengebühren wieder zurückbekommen. So kann ich auch den Strom an ausländischen Studierenden, die unser System kostenlos verwenden, ein bisschen regulieren. Ich denke, da müsste man mit Stipendien arbeiten und zwar mit Stipendien, die zum Leben ausreichen. Das ist eigentlich die Konsequenz aus allen IHS-Studien und unseren eigenen Zahlen.

Was würden Sie sich zukünftige von der ÖH Innsbruck wünschen?

Was würde ich mir von der ÖH Innsbruck wünschen? Also ich glaube, ich sollte mir nicht zu viel wünschen, denn ich habe sowieso schon zu viele Wünsche geäußert über die Vergangenheit. Ach nein. Ich würde mir schon wünschen, dass die ÖH nach außen hin geschlossener auftritt und geschlossener die Anliegen der Student_innen vertritt. Und zukünftig auch versucht, die Universitätsleitung mehr in ihre Überlegungen und Forderungen miteinzubeziehen. Wir arbeiten natürlich gern mit der ÖH zusammen auch was die Betreuung und Beratung von Studierenden betrifft, aber es ist für uns auch schwierig, denn wir haben dies alles professionalisiert, während der Personalwechsel in der ÖH systembedingt sehr hoch ist. Das ist natürlich ein Problem, aber das ist nicht das Problem der ÖH oder Uni. Es ist halt systembedingt. Was ich mir von der ÖH wünschen würde ist schon, dass bevor man mit Partikularinteressen, die von politischen Parteien gesteuert sind, nach Außen geht, vielleicht wirklich zuvor versucht mit dem Rektor zu reden und zu schauen, ob man nicht gemeinsam mehr erreichen kann. Sonst entsteht für das zuständige Ministerium der Eindruck, dass alle nur untereinander streiten würden. Da streiten die Studierenden mit den Lehrenden. Da streitet der Rektor mit den Professor_innen. Die streiten eigentlich nur. Wenn man da geschlossenen auftritt und sagt, wir haben eine gemeinsame Forderung, dann denke ich, würde man mehr erreichen. Mein Beispiel liegt leider schon weit zurückliegend: Unibrennt. Da hat man was erreicht, weil man versucht hat gemeinsam aufzutreten und sich nicht gegenseitig ausspielen hat lassen.

Univ.-Prof. Dr. Roland Psenner ist Vizerektor für Lehre und Studierende an der Leopold-Franzens-Universtität Innsbruck.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.