Interview: „Innsbruck ist die Radhauptstadt Österreichs“

Wie sehen Sie die derzeitige Fahrrad-Situation in der Stadt Innsbruck?

Sonja: Was mich sehr freut ist, dass immer mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen, weil es einfach schnell, flexibel, gesund und nervensparend ist. Derzeit sind wir daran wichtige Achsen auf- und neu zu machen, wie etwa die Karwendel- und die Freiburgerbrücke. Auch eine Entlastung der von Radfahrenden viel befahrenen Museumsstraße entlang der Universitäts- und Dreiheiligenstraße ist geplant und wird natürlich vor allem Studierende an der SoWi zugutekommen.
Ingrid: Ich bin sehr glücklich mit der Landeshauptstadt, die ja laut VCÖ die Radfahrhauptstadt Österreichs ist. Das heißt, dass die Innsbruckerinnen und Innsbrucker verhältnismäßig so viel Rad fahren wie sonst nirgendwo, was ich insofern als sehr bewundernswert empfinde, da es relativ viel rauf und runter geht. Von Seiten des Landes haben wir das Radverkehrskonzept fertig gestellt, wo die unterschiedlichen Radverkehrsachsen nach Prioritäten und Frequenzstärke geordnet wurde und hier werden wir in guter Kooperation die Stadt Innsbruck bei der Planung und Finanzierung unterstützen. Wir haben eine sehr gute „Mein Fahrrad“-Koordinationsstelle vom Land Tirol die im engen Austausch mit den Verantwortlichen der Stadt Innsbruck steht, weil es natürlich auch herausfordernde Anschlüsse wie etwa von Völs auf Kranebitten gibt. Ein ganz großer Wunsch von uns ist die Radwegerschließung in Richtung Mutters/Natters. Durch die vielen Beteiligten ist das ein sehr großes Projekt, wo wir gerade dabei sind erste konkrete Schritte zu unternehmen, um noch mehr Menschen die Möglichkeit zu geben sicher in die Stadt zu radeln.
Sonja: Die Anschlüsse an das Innsbrucker Umland empfinde ich als eine sehr wichtige Geschichte. Auch wenn Mutters/Natters im ersten Moment vielleicht etwas kurios klingt, ist es beispielsweise mit einem Elektrorad mit links zu schaffen, allerdings müssen hier erst die nötigen, gesicherten Wege geschaffen werden. Dadurch erklärt sich natürlich auch der derzeit noch hohe Anteil an Autofahrenden auf dieser Strecke. Ein weiteres Projekt an dem wir gerade arbeiten ist die Verbindung in Richtung südöstliches Mittelgebirge, über Igls und Lans. Und diese Verbindungen sind sehr wichtig, damit es nicht nur innerhalb von Innsbruck, sondern auch in den Umlandgemeinden die Möglichkeit gibt sichere und gutausgebaute Radwege vorzufinden.

Sie haben gerade erwähnt, dass Innsbruck die Fahrradhauptstadt Österreichs ist. Gleichzeitig weist das Radnetz noch immer gewisse Schwächen auf. Wo sehen Sie hier konkrete Verbesserungsmöglichkeiten für Studierende?

Sonja: Ich würde das gar nicht auf die Studierenden begrenzen, da wir in Innsbruck die schöne Situation haben, dass Menschen von Jung bis Alt Fahrrad fahren. Die 2 größten Wunschprojekte sind die davor schon erwähnte Karwendelbrücke und die Öffnung des Emile Bethouart Stegs, in dessen Umgebung viele Studierende wohnen, für Radfahrende. Wichtig ist uns in nächster Zeit einmal große Bauprojekte zu vermeiden und stattdessen zu schauen wo die Lücken sind und wo wir relativ rasch Verbesserungen vornehmen können. Fürs Alltagsradeln sind Querverbindungen zur Verkürzung der Fahrzeit wichtig und haben im Gegensatz zu Bauprojekten nicht so eine lange Vorlaufzeit. Auf der anderen Seite darf darunter natürlich nicht der Schutz der Radfahrenden leiden, daher haben wir unter anderem beim Marktplatz Höhe Tyrler eine neue Mittelinsel mit eigenen Abbiegespuren gemacht. Davor gab es an dieser Stelle große Probleme mit Radfahrer_innen die von Autofahrenden und Bussen geschnitten wurden, und um solche Gefahrenpotentiale zu verringern, werden jetzt alle Kreuzungen daraufhin angeschaut.

Wo sehen Sie Potentiale für die ÖH Innsbruck diesen Prozess mitzugestalten und sich einzubringen?

Sonja: Einfach rückmelden. Bei mir ist das ganze recht unkompliziert, eine E-Mail schreiben und dann machen wir einen Termin aus, bei dem wir über mögliche Probleme und Verbesserungen sprechen können. Denn natürlich können auch bei uns Fehler passieren oder wir übersehen etwas Wichtiges, daher freuen wir uns immer sehr über Input.

Stehen Sie derzeit in Kontakt mit der ÖH in solchen Fragen?

Sonja: Derzeit nicht, aber die ÖH war vor ca. einem Jahr bei mir und wir sprachen über die Radabstellplätze an der Universität. Die Universität ist Privatgelände und gehört der BIG. Die Stadt darf hier keine Radabstellplätze eröffnen. Ich sicherte ihnen zu sie beim Rektorat zu unterstützen, sobald ihre Wünsche konkretisiert sind. Ich komme regelmäßig an der SoWi vorbei und alleine wie viele Fahrräder dort stehen finde ich fantastisch.
Ingrid: Ich schließe mich da ganz Sonja an. Die übliche Zuschreibung an Politikerinnen und Politiker ist, dass sie so schwer erreichbar wären. Aber aufgrund moderner Medien und einer bei uns selbstverständlichen Durchlässigkeit sind wir per Mail, Facebook oder auch Terminvereinbarungen jederzeit erreichbar und beantworten nach Möglichkeit alle Anfragen. Ich persönlich hatte mit der ÖH Innsbruck Kontakt bezüglich des Studitickets, wo wir versucht haben ihnen zu erklären welche bestimmte Datengrundlagen bzw. Infos wir bräuchten, beispielsweise wäre es wichtig zu wissen wie viele Studierende einen Hauptwohnsitz in Innsbruck haben. Leider ist das kaum festzustellen, da es hier keine statistischen Daten gibt. Auch die Frage nach Förderungen von anderen (Bundes-)Ländern muss berücksichtigt werden, damit unsere leider eingeschränkten Fördermittel bei den Studierenden ankommt, die am meisten darauf angewiesen sind. Bisher haben wir da aber noch keine ausreichenden Auskünfte bekommen, um alles entsprechend durchrechnen zu können.

Sie haben bereits die Situation der Fahrrad-Abstellplätze auf Unigelände angesprochen. Vom ehemaligen ÖH Vorsitz kam wiederholt das Argument, dass der Ball häufig zwischen den Zuständigen der Stadt und der Universität hin und her geworfen wird und deshalb keine konsequenten Lösungen herauskommen. Welche Lösungsmöglichkeit sehen Sie hier?

Sonja: Also die Behauptung, dass der Ball hin und her gespielt wird ist schlichtweg falsch. Ich stehe in ständiger Verbindung mit der Vizerektorin für Infrastruktur vor allem wegen den ganzen Neubauten und da habe ich dezidiert die Aussage, dass das von ihnen gemacht wird. Ich betone zwar bei jedem treffen mit ÖH-Vertreter_innen, dass wir sie sehr gerne unterstützen, aber es ist kein Grundstück der Stadt Innsbruck und das muss respektiert werden. Hier ist die Vizerektorin klare Ansprechperson für die ÖH Innsbruck.

Wie stehen Sie zu der Idee die Maria-Theresien-Straße für Radfahrende zu öffnen?

Ingrid: Wir sind für eine Öffnung und haben damals auch gegen das Verbot demonstriert, wurden allerdings von einer demokratischen Mehrheit überstimmt.
Sonja: Prinzipiell sehe ich das nicht als allzu dramatisch, der Radverkehr wächst und wächst dennoch und die Ausweichrouten funktionieren gut.
Ingrid: Grundsätzlich denke ich mir, dass die Maria-Theresien-Straße, wider der Erwartung vieler, durchaus sehr gut als Flanierplatz angenommen wurde. Die Attraktivität dieses Stadtraums zeigen auch aktuelle Diskussionen über die Nutzung, wie eben das Radfahrverbot, das Alkoholverbot und die Bettelverbotszeiten. Schöner wäre es, meiner Meinung nach, sogenannte Begegnungszonen zu schaffen. Dort geht es darum, dass die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer_innen aufeinander Rücksicht nehmen. Diejenigen die in FUZOs langsam Rad fahren und auf herumlaufende Kinder Rücksicht nehmen leiden natürlich unter den einigen wenigen Rowdies. Alternativ könnte ich mir vorstellen das Radverbot aufzuheben und eher den Fokus darauf legen diese Raserinnen und Raser stärker zu kontrollieren und anzuhalten langsamer zu fahren. Wie mit solchen Nutzungskonflikten letztlich umgegangen wird, ist aber immer eine Frage der Demokratie.

Wie stehen Sie dazu ausgewählte Innsbrucker Einbahnstraßen für Radfahrende zu öffnen?

Sonja: Dazu gibt es bereits ein Programm. Wir haben uns die wichtigsten Einbahnstraßen angeschaut, die auch vernünftige Abkürzungen darstellen würden. Derzeit kämpfen wir allerdings noch etwas gegen die in Österreich herrschende Normierungswut, die mit einem gewachsenen Stadtraum schlicht und einfach nicht in Vereinbarung zu bringen ist. Eine Achse die mich besonders freut und vielen Studierenden zugutekommt ist die Universitätsstraße/Dreiheiligenstraße Richtung König-Laurin-Allee die heuer für Radfahrende in beide Richtungen geöffnet wird. Da tut sich derzeit einiges, obwohl ich mir auch wünschen würde, dass es schneller geht. Bis aber alle Richtlinien und Normierungen eingehalten werden können und das Budget für bauliche Veränderungen steht, vergeht immer einige Zeit.
Ingrid: Ich bin ganz bei dir, dass es eine mühsame Geschichte ist und viele Sorgen die damit verbunden sind kommen daher, dass die Straße eine lange Zeit als alleiniges Herrschaftsgebiet des Autos angesehen wurde. Dementsprechend wurden auch Einbahnen errichtet, denn damit wurden in den 90er Jahren die Autoströme gelenkt. Der Versuch war es, die Autofahrer_innen in einen Kreis zu lenken, damit sie sich nicht immer überschneiden und die Radfahrer_innen wurden in diesen Konzepten nie bedacht. Den Straßenraum heute für die Radfahrer_innen zu öffnen bedeutet auch, ihnen den Raum zurückzugeben und wenn dies klug, gut und sicher gemacht werden will ist dies nicht immer ganz einfach. Es ist nicht damit getan nur zu sagen, dass sie gegen die Einbahn fahren sollen. Grundsätzlich sind wir uns aber sicher einig, dass es Sinn macht dies zu ermöglichen, dort wo Platz ist und da gibt es genügend Einbahnen für und hier sind wir auch schon dabei dies zu tun.

Abschließend würden wir noch gerne wissen, was Sie beide sich in Zukunft von der ÖH Innsbruck wünschen würden?

Ingrid: Ich bin jetzt mal ganz frech und wünsch mir von der ÖH Lobbyismus für die Studierenden und nicht nur Serviceleistungen. Mir ist die ÖH in der Vergangenheit manchmal schon zu sehr Serviceeinrichtung geworden, was ich schon zu meiner Studienzeit erleben konnte, die doch schon einige Tage her ist. Die Studierendenbewegungen waren schon immer eine Speerspitze der Revolution und des Vorantreibens gesellschaftlicher Entwicklungen. Das sind sie schon länger nicht mehr, sage ich jetzt mal so. Sie fokussieren sich sehr auf die Serviceleistungen, die natürlich wichtig sind, die ich auch nicht missen will, doch politische Haltungen, die auch aus dem rein parteipolitischen brechen, wie etwa die Forderung nach unabhängiger Lehre und Forschung, vermisse ich. Ich finde die ÖH darf das und sollte dies auch tun. Und die ÖH sollte es schaffen, die unterschiedlichen politischen Zugehörigkeiten zu bündeln und beispielhaft zu sagen: „Leute, ihr habt uns das Wissenschaftsministerium genommen. Seids noch gescheit?!“ Das ist das, was ich mir von der ÖH wünschen darf.
Sonja: Mehr gesellschaftspolitisches Engagement und weniger Fokus auf reine Serviceleistungen. Dem kann ich voll zustimmen. Ich sage nur Verschulung des ganzen Universitätsbereiches, Bologna-Prozess. Zu meiner Zeit, als ich studiert habe, wäre das undenkbar gewesen. Da wären alle Studierenden aufgesprungen. Ein selbstbestimmtes Studium findet ja gar nicht mehr statt. Das verschulte Studium wird immer eingeengter, und hier gesellschaftspolitisches Engagement quer über die Parteigrenzen hinweg, denn das Interesse der Studierenden, sehr viel zu lernen, ist parteiunabhängig, vermisse ich total. Es kommt vielleicht manchmal etwas sehr Laues daher, doch das was so in den 80er und 90er Jahren abgelaufen ist, gibt es einfach nicht mehr.
Ingrid: Es war sogar bis in die 2000er Jahre. Schwarz-Blau war für viele Studierende wahnsinnig politisierend, weil ja eben Studiengebühren eingeführt worden sind und damals war man sich sehr einig. Damals waren quasi alle Studierenden Seite an Seite auf der Straße. Geht einmal heute Leute fragen, ob sie wissen, ob ihr Studiengebühren zahlt. Das weiß niemand mehr, da es so oft verändert wurde. Sie wissen es einfach nicht, ob und für wen es Studiengebühren gibt. Und auch gegen den Bologna-Prozess gab es zu wenig und uneinheitlichen Widerspruch. Da gab es meiner Ansicht nach auch aus parteipolitischen Überlegungen von manchen Studierendenfraktionen Zustimmung. Nicht einmal ein kritisches Korrektiv, das sicher hilfreich gewesen wäre. Da wünsche ich mir viel mehr Engagement.


Sonja Pitscheider ist Vizebürgermeisterin der Stadt Innsbruck und ist zuständig für Umwelt, Energie und Mobilität, Tiefbau und Frauenförderung.
Ingrid Felipe ist Landeshauptmann-Stellvertreterin von Tirol und ist unter Anderem zuständig für Umwelt- und Klimaschutz, Verkehr, Kraftfahrwesen und Nachhaltigkeitskoordination.

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