Ökologisch leben – gesellschaftskritisch Denken

Warum Öko-Mythen gefährlich sind und kollektives Handel notwendig ist

Fair Trade Bananen kaufen, nur Recycling Papier verwenden, zu einem nachhaltigen grünen Stromanbieter wechseln und nur mehr jeden zweiten Tag das Auto nutzen: So sieht gelebtes ökologisches Bewusstsein aus. Aber sollte es so aussehen?

Spätestens seit im Jahre 1972 das bekannte Werk „The Limits of Growth“ des Club of Rome die Begrenztheit der Ressourcen unserer Umwelt aufgezeigt hatte, ist das Thema Ökologie in unserer Gesellschaft ein Thema. Vorerst jedoch nur ein Randthema für wenige. Doch durch den sauren Regen, dem Ozonloch, diversen Umweltkatastrophen und letztendlich dem Treibhauseffekt entstand eine Ökobewegung. Deren Ziel: Regierungen und Politik zu einer nachhaltigen, umweltverträglichen Entwicklung zu bewegen.

Wir schreiben das Jahr 2011: Der Klimagipfel in Kopenhagen 2009 und in Cancun 2010 zeigen, dass Klimapolitik auf höchster politischer Ebene angekommen ist. Hochrangige VertreterInnen aller Länder verhandeln gemeinsam mit dem Ziel eines Klimaabkommens. Auch wenn es so scheint, als würden die Verhandlungen zu keinen Ergebnissen führen: Der Emissionsrechtehandel (englisch: Cap and Trade), also der Handel mit Treibhausgasen, ist ein Ergebnis vieler Verhandlungen.

Die Ziele der Öko Bewegung scheinen also fast erfüllt zu sein: Das Bewusstsein ökologisch handeln zu müssen ist in den Köpfen vieler Menschen und auch die Politik der Staaten hat sich des Themas angenommen. Sehen wir uns jedoch an, wie „uns“ das Klimaproblem beschrieben wird.

Sitzen wir alle im gleichen Boot?

Gegen den Klimawandel müssen wir alle kämpfen. Egal ob in Wien oder in Nairobi. Dagegen muss die Managerin einer Firma genauso wie der Kassierer im Supermarkt kämpfen. Denn: Betroffen sind wir alle vom Klimawandel. So heißt es zumindest. Sieht mensch sich das Ganze etwas genauer an, zeigen sich Widersprüche.

Wer in einem wirtschaftlich erfolgreichen Land lebt, wird vom Klimawandel natürlich weniger betroffen als andere. Die Stadt Hamburg kann sich höhere Dämme leisten, in Bangladesch sieht das anders aus. Doch auch Menschen mit unterschiedlichen Einkommen in Österreich werden durch klimabewusste Politik unterschiedlich beeinflusst. Wer nur 5% des Einkommens für Lebensmittel ausgibt, kann sich Bio & Fair Trade leicht leisten. Bei einem Anteil der Lebensmittelkosten von 40%, werden steigende Nahrungsmittelpreise zum Problem. Auch der Umstieg auf ein ökologischeres Fahrzeug fällt Menschen mit höherem Einkommen naturgemäß leichter.

Nicht nur die Staatszugehörigkeit oder das Einkommen macht einen Unterschied: Männer und Frauen trifft der Klimawandel unterschiedlich. Frauen werden immer niedriger entlohnt (egal ob in Paris oder in Bombay) und werden durch Preissteigerungen stärker getroffen.

Wir schalten das Licht ab und hey das Klima ist gerettet

Wer kennt die Protestaktion nicht: An einem Tag zur gleichen Uhrzeit sollen weltweit die Lichter abgeschalten werden, an einem Tag im Jahr soll sich mensch dem Konsum verweigern. Es geht also um die Betonung des ökologischen Individuums und dessen Verhalten. Wer sich an solchen Aktionen beteiligt und vielleicht auch noch den Fernseher ganz ausschaltet, statt nur auf Standby, beruhigt sein/ihr Gewissen und kann ansonsten ungestört weiterleben.

Klar ist aber: Die grossen Klimasünden wie schonungsloser Ressourcenabbau, die Abhängigkeit vom Erdöl und der Raubbau an Tropenwäldern können so nicht gestoppt werden. Anstatt sich solidarisch mit anderen Menschen zu fühlen, gemeinsam und kollektiv Druck auf Parteien auszuüben oder gemeinsam alternative Strukturen aufzubauen, wird das eigene Gewissen beruhigt.

Ökologie ohne Gesellschaftskritik? #fail

Stromsparen und bewusster regionaler Einkauf sind gute Schritte. Doch wer sich ökologisch bewusst und sinnvoll verhalten, sich gar für eine nachhaltige Politik engagieren, will, kann sich nicht auf das Thema Ökologie beschränken. Ohne soziale Überlegungen, ohne der Kritik an der herrschenden Ordnung in Politik und Wirtschaft, kann ökologisches Bewusstsein nur zu Gewissensberuhigung führen.

Vordenken statt Nachweinen!

Der Begriff der Nachhaltigkeit wird häufig falsch interpretiert, oft mit Ökologie gleichgesetzt. Wer kritisch hinterfragt, stellt aber schnell fest, dass es sich hierbei um einen elementaren, revolutionären Begriff einer positiven globalen Weltordnung handelt.

Er implementiert das Soziale wie das Ökologische und baut auf eine sich ausgleichende Wirtschaft auf. Wachstum ist hier der Worst Case. Ausgleich das Zauberwort.

Nun sind wir maximal im Geiste der kollektiven Mülltrennung aufgewachsen. Wie lebt, wer nachhaltig sein will? Wenig fliegen, wenig Fleisch essen, wenig Auto fahren, die Menschenrechte anwenden und dabei nicht verhungern. Das hört sich nach Verzicht an. Langfristig gesehen wäre damit viel erreicht.

Wir müssen offen sein, um gewährleisten zu können, dass soziale Einflüsse massiv gefördert werden können. Es gilt nachhaltige, globale und vor allem gemeinsame Normen anzuerkennen und gleichzeitig Raum für Individualität zuzulassen.