Die Unsichtbaren

Lesben und Schwule an der Uni
Es gibt sie, aber kaum eine/r sieht sie. Homosexualität hat auf der Uni keinen Raum. Laut einschlägigen Statistiken sind 10 bis 15% der Bevölkerung homosexuell. Da aber viele Lesben und Schwule sich nicht outen, sind diese Zahlen ungewiss. Heterosexualität ist eigentlich auch nicht sichtbar, aber nur deswegen, weil diese immer und überall vorherrscht, somit nicht auffällt und weder reflektiert (noch hinterfragt) wird. Heterosexualität ist Normalität und braucht nicht extra erklärt zu werden. Damit sind wir mitten im Diskurs.

Der Zwang zur Heterosexualität
Einerseits wollen Lesben und Schwule ganz normal sein, wie alle anderen auch, aber sie sind anders. „Anders” ist jedoch, auch entgegen der Meinung vieler, keine Wertung, und schon gar nicht bedeutet es krank. Andererseits ist es so, dass Lesben und Schwule ihre sexuelle Präferenz kaum öffentlich zeigen bzw. zeigen können. Denn in der Öffentlichkeit gilt immer noch „in dubio pro hetero”. Es ist immer noch ein faux pas einen heterosexuellen Menschen fälschlich der Homosexualität zu „beschuldigen”. Das zeigt, dass es eine Wertung gibt. Homosexuelle müssen ihr Anders-Sein erklären und rechtfertigen. Im Uni-Alltag verschweigen und verleugnen Lesben und Schwule meist ihre sexuelle Orientierung, um nicht ungerechtfertigten Angriffen und Diskriminierungen ausgesetzt zu sein.

Identitätslosigkeit?
Oftmals tun Homosexuelle so, als könnten sie ihre Sexualität von sich in der Öffentlichkeit abspalten, um nicht aufzufallen. Das erweckt den Anschein, als würde die sexuelle Orientierung nicht zur Person oder zur Identität gehören. Kann sie/er einen Teil ihrer/seiner Persönlichkeit also einfach in den Schrank sperren, wenn sie/er auf die Uni geht? Sätze wie: „Das ist nur privat wichtig.” oder „Es ist mir lieber, wenn die KollegInnen, Lehrenden nichts wissen.” verschleiern die gesellschaftliche Problematik, die dahinter steckt.

Ein Schritt vor – zwei zurück
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, die Akzeptanz des eigenen Anders-Seins und schließlich das Annehmen der eigenen Homosexualität fällt nicht leicht und kann Jahre dauern, in denen die eigenen Gefühle sogar bekämpft werden. Manche versuchen mit aller Gewalt in heterosexuellen Begegnungen oder Beziehungen glücklich zu werden – und quälen sich damit selbst. Schließlich werden auch Homosexuelle heterosexuell erzogen. Der Schritt hinaus ist die nächste Hürde. Kommen dann noch Ablehnung und Ignoranz von außen, wird das Leben für viele zur Qual. Wer erfährt es? Das Versteck-Spiel läuft. Die gesellschaftlichen Bedingungen erschweren zusätzlich die Identitätsfindung. Oft verstecken Homosexuelle die eigenen Gefühle hinter Aussagen wie: „Ich hab noch nicht die Richtige/den Richtigen (Heterosexuelle/n) gefunden.”, „Sex ist nicht so wichtig.” oder „Nur der Mensch zählt.” Nicht selten wollen Lesben und Schwule nach gescheiterten homosexuellen Beziehungen aus Verzweiflung heterosexuell werden, womit sie sich nur selbst betrügen und bestrafen, weil es nicht funktioniert.

Die neuen (homosexuellen) Gefühle, die auch eine Änderung der Lebensweise und Identität mit einschließen würden, können nicht in die schon bestehende Selbstsicht integriert werden. Das führt in Folge auch zu Selbstverleugnung und destruktiven Verhaltensmustern. Ebenso besteht die Möglichkeit, dass die ständigen Konflikte zwischen Begehren und Selbstsicht im Extremfall psychosomatische Erkrankungen auslösen, ohne dass dies den Betroffenen bewusst wird. Es ist eben einfacher, heterosexuell zu sein – oder zumindest so zu tun, als wäre man es. Denn das Verabschieden von einer Normalbiographie fällt vielen nicht leicht. Nicht für alle Homosexuellen ist das Wissen um ihr Lesbisch/Schwul-Sein eine Befreiung. Schließlich ist ab dem Zeitpunkt des Erkennens der eigenen Homosexualität alles anders. Sie/er ist nicht mehr die/der Gleiche wie vorher und es gibt kein Zurück mehr – auch, wenn viele sich das wünschen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität wäre wichtig – für alle – aber auch Lesben und Schwule drücken sich gerne vor Selbstreflexion.